Familiengeschichte

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Engelhardt Friedrich Wilhelm Moll war der Begründer der Lederfabrik F.W.Moll in Brieg, Schlesien (Bild aus der Festschrift von Direktor Robert Wechmann)

Meine Familie stammt aus dem schlesischen Brieg. Die Stadt heißt heute Brzeg und liegt seit dem Ende des zweiten Weltkrieg in Polen. An der Oder gelegen, sind es etwa 30 km nach Wroclaw, dem ehemaligen deutschen Breslau. Die schlimmen Ereignisse des Krieges haben meine Vorfahren aus ihrer geliebten Heimat vertrieben und sie ließen sich nach dem Krieg in Westdeutschland nieder. Der Familienstammbaum aus der von dem damaligen Direktor Robert Wechmann im Jahre 1911 veröffentlichten Festschrift zum 100 jährigen Bestehen der Lederfabrik F.W.Moll, ist auf der Ahnenforschungsseite rambow.de einsehbar. Er zeigt daß die Molls seit Jahrhunderten ununterbrochen Gerber waren. Weitere Nachforschungen zeigen dass wir höchstwahrscheinlich aus der ehemaligen Gerberstadt Reutlingen stammen. Es ist auch deswegen wahrscheinlich, weil es zu dieser Zeit üblich war, das Handwerk vom Vater auf den Sohn zu übertragen. Die Quelle meiner Informationen sind die Aufzeichnungen der o.g. Festschrift und Überlieferungen aus der Familie.

Gründung der Lederfabrik 

Am 7.Mai 1811 gründete der aus Ohlau in Preußisch Schlesien stammende Gerbermeister Engelhardt Friedrich Wilhelm Moll, damals erst 18 Jahre alt, nach der Freisprechung durch das Brieger Gerbermittel zum Handwerksmeister, den eigenen Handwerksbetrieb. Damit begründete er auch die spätere Aktiengesellschaft Lederfabrik F.W.Moll in Brieg, Schlesien. Der ursprüngliche Handwerksbetrieb wuchs schnell zu einem beachtlichen Unternehmen heran. Sie produzierte Leder für die Schuhmacherei und Sattlerei. In den Folgejahren wurde das Gelände durch Zukäufe immer weiter vergrößert. Hauptsächlich wurde Eichenrinde als Gerbmittel einsetzt. Als dieses knapp wurde, hat man alternative Gerbmittel getestet und erfolgreich in die Produktion eingeführt. Die Firma veränderte den handwerklichen Charakter in einen modernen, großzügigen und fabrikmäßigen Betrieb.

Vergrößerung der Gerberei

Nach wenigen Jahren war kein Platz mehr und man musste die Fabrik vergrößern. Es wurden neue Maschinen angeschafft. Die erhöhte Arbeitsleistung bedingte eine Vergrößerung der Belegschaft. Auch der Verbrauch von Gerbstoffen nahm zu. Die Eichen-, Fichten- und andere Rinden aus Schlesien und deren benachbarten Gebieten, auch aus Österreichisch Schlesien reichten schon lange nicht mehr aus. Es wurde ein Speicher unmittelbar in der Nähe der Eisenbahn errichtet. Versuche mit alternativen Gerbmitteln wurden gemacht um das knappe Eichengerbmittel zu ersetzen.

Wandlung zum Industrieunternehmen

Die Firma wuchs trotz alles Schwierigkeiten zu einem beachtlichen Industrieunternehmen heran. 1911 feierte man das 100 Jährige Bestehen der Lederfabrik F.W.Moll die nun eine Aktiengesellschaft war. Der Großonkel meines Vaters, der deutsche Künstler und Impressionist Oskar Moll und seine Frau die Bildhauerin Marg Moll lebten zu dieser Zeit. Beide wurden durch die Nationalsozialisten verfolgt, die ihre Kunst als „Entartete Kunst“  aus den Museen entfernten und ein Ausstellungsverbot verhängten.

Großeltern

Mein Großvater Friedrich Wilhelm Moll, Teilhaber der Lederfabrik, heiratete im Jahre 1936 meine Großmutter Annemarie, geborene Bertuch. Ihr Vater war Landrat und arbeitete in Breslau, später in Königsberg/Ostpreussen, wo die Firma Moll eine Verkaufsstelle hatte. Als die Rote Arme nach Brieg vorrückte, flüchtete meine Großmutter mit ihren 4 Kindern und einem Pferdewagen und verließ ihre geliebte Heimat in Brieg. Sie schaffte es mit den vier Kindern nach Lüneburg wo sie sich niederließ und eine kleine Gerberei eröffnete.

Neuzeit

Die Lederfabrik Moll in Brieg wurde als Garbarnia Brzeg bis ins Jahr 2006 von polnischen Besitzern betrieben. Sie war eine der grössten Lederfabriken Deutschlands und später in Polen. Mein Vater Stefan Moll Sen. war bis zu seinem Ruhestand im Jahre 2000 ein leidenschaftlicher Gerber und Ledertechniker. Heute schafft er moderne Skulpturen aus Holz und Pappmaché unter seinem Künstlernamen „nafello“ .